Lernen pädagogisch und intersektional denken
Wir haben uns wissend gemacht: Was zeigt sich uns, wenn der Vollzug zurĂĽck in die Linse kommt?
Im zweiten Teil des aktuellen Semesterschwerpunkts „Vom Lehren zum Lernen“ hat Dr.in Lena Staab (HU Berlin), einen weiten Lernbegriff und seine Möglichkeiten intersektional ins Fragen zu kommen, zur Diskussion gestellt und uns neue Denkgeländer ermöglicht.
🎓Auf der Suche nach dem Lernen, welches selbst als Suchbewegung verstanden werden kann:
Ausgehend von einem bell hooks Zitat, das Lehren als überschreitende unterrichtliche Praxis, als Prozess der Transformation für beide Seiten aufgemacht hat, wurde der Lernbegriff zuerst in der erziehungswissenschaftlichen Debatte verortet: anders als Bildung und Erziehung oder Unterricht, ist das Lernen eher als funktionaler Bestandteil zu sehen und eng mit der Psychologie verbunden. Dabei bietet dieser Begriff durchaus pädagogisches Potenzial. Bereits im mittelhochdeutschen Verb („etwas verfolgen“, „wissend werden“) kommt die Bewegung von Sinn, Erfahrung und Körper ins Spiel. Lernformen gibt es zudem zahlreiche, das schulische Lernen ist institutionell gerahmt und steht dem lebensgeschichtlichen Lernen rein in seinem Zeitumfang bescheiden entgegen. Pädagogisch gesehen sind alle Lernformen im Blick, weil die Auseinandersetzung mit der Welt existenziell ist und sich zudem an keinen Lehrplan halten muss.
🏫Unsere Lernkurve: Von der Funktion zum Vollzug
Klassische Lerntheorien funktionieren in enger Ausrichtung an die Schule, man erkennt sie an ihrer Ergebnisorientierung und am Unterfangen Lernen zu messen. Ein weiter Lernbegriff macht sich genau das Offene, Erfahrungsbasierte und Körperhafte zum Ausgangspunkt. Orientiert an Käte Meyer-Drawe wird somit das Brüchige, Fragile und Offene zum Gegenstand (Bildungsgehalt: das ist phänomenologisch). Und dieser Lernvollzug ist mehr ein Widerfahrnis als eine intendierte, lineare und geplante Lernkurve. Damit wird auch Scheitern als Lernerfolg denkbar. Ohne Umlernen kein Lernen. Ohne Verlernen keine Machtkritik.
đź§Intersektionale AnschlĂĽsse zum Lernen
Fragen nach der Verhältnissetzung und Beschaffenheit von Ausschlüssen werden von Lena Staab mit der intersektionalen Mehrebenenanalyse nach Winker und Degele (2009) in den Blick gebracht. Das komplexe Wechselverhältnis zwischen gesellschaftlichen, sozial-strukturellen, institutionellen, personalen und diskursiven Ebenen fungiert als konstitutiver Faktor für die Produktion von Differenz und beeinflusst zugleich die Generierung von Narrationen, visuellen Repräsentationen sowie normativen Orientierungen. Für das Lernen in der Schule wird ersichtlich, dass Prüfen von Leistungen und Bildungszertifikate für die gesellschaftliche Platzzuweisung zentral und integrativ sind.
Als zweite Möglichkeit führt Lena Staab die vier Dimensionen des Lernens nach Göhlich und Zirfas (2007) in die Diskussion ein. Dieser theoretische Ansatz unterscheidet zwischen:
Diese Unterscheidung macht sichtbar, wie unterschiedliche Anteile des Lernens – sachlich-kognitiv, praktisch-anwendungsorientiert, lebensbewältigend und selbstregulierend – ineinandergreifen. Zugleich werden Einschlüsse und Ausschlüsse erkennbar, die sich aus den jeweiligen Lernvoraussetzungen und Lebensbedingungen ergeben.
Das in postkolonialen Ansätzen zentrale Konzept des „Verlernens“ wurde durch Lena Staab in ihren Ausführungen greifbarer gemacht: Es geht dabei nicht um ein bloßes Vergessen oder um das einmalige Überwinden eines Hindernisses, nach dem die Aufgabe erledigt wäre. Vielmehr bedeutet Verlernen, bestehende Vorstellungen und Ideen über soziale Anerkennung kritisch zu befragen und zu überwinden. Aus diesem Grund ist die Arbeit an der Sprache niemals abgeschlossen, sondern bleibt eine offene, reflexive und kritische Praxis.
Die Diskussion setzte sich praktisch mit dem Konzept des Verlernens auseinander, indem sie verschiedene Aspekte beleuchtete: die Abgrenzung vom traditionellen Bildungsbegriff, die Problematik der Normüberschreibung und -setzung, das Vergessen von Zusammenhängen, die nicht mehr kollektiv abrufbare Verbindungslinien darstellen, die Möglichkeiten und Grenzen von Aktionsforschung, die Einbeziehung der Repräsentationsebene in Diskriminierungslogiken sowie die Schwierigkeit, output-orientierte Prüfungen in der Hochschulkultur umzusetzen. Lernen verläuft dabei in (un)beabsichtigten Schleifen und Kurven, die in alle Richtungen führen können – aus gewohnten Bahnen hinaus und in neue Bahnen hinein –, sobald wir wissend werden.
Arbeitsbereich
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