Auf Einladung der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) hielt Thomas Strasser (I:SAB, PH Wien) Ende Februar die Keynote bei der internationalen Fachberatungstagung im Auswärtiges Amt in Berlin.
Vor über 50 Fachberater*innen für Deutsch aus 65 Ländern referierte er über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Sprachunterricht. Im Zentrum stand dabei die Kritik an einem primär technikzentrierten Zugang, der sich stark auf Tools und deren Funktionalitäten fokussiert, jedoch häufig die didaktischen, sprachlichen und kulturellen Dimensionen von Lernen aus dem Blick verliert. Stattdessen plädierte Strasser für eine stärkere Orientierung an Ansätzen der Digital Humanities, die digitale Technologien im Kontext von Bedeutungskonstruktion, Interpretation und kultureller Praxis verorten.
Ausgehend davon argumentierte er, dass Sprachenlernen nicht auf die Verarbeitung von Input reduziert werden kann, sondern immer auch an inter- und transkulturelle Aushandlungsprozesse gebunden ist. Genau hier zeigen sich die Grenzen aktueller KI-Systeme, die zwar sprachliche Muster effizient modellieren, jedoch kulturelle Bedeutungsdimensionen teilweise nur eingeschränkt erfassen können.
Ein besonderer Fokus lag auf der Rolle von Mehrsprachigkeit als kognitive und bildungsrelevante Ressource. Mehrsprachige Lernende verfügen über ein erhöhtes Bewusstsein für sprachliche Variation, Perspektivität und Mehrdeutigkeit. Diese sogenannte Ambiguitätstoleranz erweist sich als zentrale Kompetenz im Umgang mit KI-generierten Inhalten, die oft plausibel erscheinen, jedoch nicht zwingend korrekt oder kontextuell angemessen sind. In diesem Sinne gilt: Wer in mehreren Sprachen denkt, erkennt leichter, wie Bedeutung konstruiert wird – und wo diese Konstruktion an ihre Grenzen stößt.
Unter dem Titel „Not another AI love song?“ zeigte der Vortrag auf Basis aktueller internationaler Studien sowie konkreter Unterrichtsszenarien, wie KI-Tools lernzielorientiert und didaktisch reflektiert in den Unterricht integriert werden können. Dabei wurde deutlich, dass der Mehrwert von KI nicht in ihrer bloßen Verfügbarkeit liegt, sondern in ihrer Einbettung in durchdachte Aufgabenformate, adaptive Lernprozesse und gezielte Feedbackstrukturen.
Besonders hervorgehoben wurde die Rolle der Lehrkraft als fachlich fundierte Instanz, die Lernprozesse strukturiert, begleitet und kritisch rahmt. Im Sinne eines didaktischen Scaffoldings unterstützen Lehrpersonen Lernende dabei, KI nicht nur anzuwenden, sondern auch in ihren Möglichkeiten und Grenzen zu reflektieren.
Abschließend betonte Strasser, dass eine nachhaltige Integration von KI in Bildungsprozesse nur dann gelingen kann, wenn technologische Innovation mit pädagogischer Verantwortung zusammengedacht wird. Mehrsprachigkeit, kritische Medienbildung und fachliche Tiefe bleiben dabei zentrale Bezugspunkte für eine zukunftsfähige und reflektierte Bildungspraxis.
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