4. BarCamp des Partnerschulen-Netzwerks Berufsbildung an der PH Wien
Wie viel Qualität lässt sich planen? Wie bereitet man junge Menschen auf Berufe vor, die es vielleicht noch gar nicht gibt? Und was braucht Bildung, um in einer zunehmend „wilden Welt“ nicht nur Schritt zu halten, sondern Zukunft mitzugestalten?
Diesen Fragen widmete sich das 4. BarCamp des Partnerschulen-Netzwerks Berufsbildung am 19. Oktober 2026. Unter dem Motto „Qualität macht (Hoch-)Schule“ trafen wissenschaftliche Perspektiven auf schulische Praxis, bildungspolitische Rahmenbedingungen auf Zukunftsszenarien und unterschiedliche Vorstellungen davon, was gute Bildung eigentlich ausmacht.
Vizerektor HS-Prof. Mag. Dr. Norbert Kraker eröffnete das BarCamp mit einem grundlegenden Gedanken: Qualität ist kein Zustand, den man einmal erreicht, sondern ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess. Dafür braucht es Vertrauen, gegenseitiges Verständnis und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.
Genau hier setzt das Partnerschulen-Netzwerk Berufsbildung an. Als Schulentwicklungsnetzwerk verbindet es wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Erfahrungen schulischer Praxis. Während Hochschulen Forschungsperspektiven einbringen, erleben Schulen gesellschaftliche Veränderungen und neue Anforderungen unmittelbar. Schule muss Hochschule verstehen – und Hochschule Schule.
Angesichts von Digitalisierung, internationalem Wandel und nachhaltiger Entwicklung gewinnt dabei auch Resilienz als Fähigkeit, mit Veränderungen und Unsicherheiten umzugehen, zunehmend an Bedeutung.
Dr.in Michaela Jonach (BMB) rückte in ihrem Beitrag zur Bildungspolitik und Qualitätsentwicklung eine zentrale Besonderheit von Bildungsprozessen in den Mittelpunkt: Lernen lässt sich nicht wie ein technischer Prozess standardisieren. Es ist situationsabhängig, komplex und entsteht im Zusammenspiel zwischen Lehrpersonen und Schüler:innen.
Qualitätsentwicklung braucht deshalb beides: verbindliche Rahmenbedingungen und Freiräume für eigenverantwortliches Handeln. Der Qualitätsrahmen für Schulen bietet Orientierung, doch seine Wirksamkeit entfaltet sich erst durch Leadership, Teamarbeit, Selbstreflexion und Kooperation. Mehr Autonomie eröffnet Gestaltungsmöglichkeiten, verlangt aber auch mehr Verantwortung.
Wie dynamisch die Anforderungen bereits geworden sind, verdeutlichte Mag.a Julia Bock-Schappelwein (WIFO). Künstliche Intelligenz, ökologischer Wandel, demografische Veränderungen und wirtschaftliche Unsicherheiten wirken gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt ein. Hinzu kommen rückläufige Lehrlingszahlen und Herausforderungen bei der Sicherung qualifizierter Arbeitskräfte.
Berufsbildung steht damit vor einer entscheidenden Aufgabe: Sie muss auf aktuelle berufliche Anforderungen vorbereiten und zugleich Fähigkeiten fördern, die auch dann tragen, wenn sich Tätigkeiten, Technologien und Berufsbilder verändern.
Einen ungewöhnlichen Perspektivenwechsel eröffnete Zukunftsforscher Klaus Kofler (FDA) mit seinem Beitrag zu Futures Literacy. Wer Zukunft lediglich als Fortschreibung der Gegenwart versteht, beschränkt seine eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Wer nur reagiert, verliert Handlungsspielraum.
Zukunftsbildung bedeutet daher, unterschiedliche Zukünfte denken, Unsicherheit aushalten und Veränderungen aktiv mitgestalten zu können. Technologischer Wandel verlangt nicht nur neue technische Kompetenzen, sondern vor allem menschliche Entwicklungsfähigkeit.
Mit der Idee, „Zukunftszeit“ bewusst in Schulen zu verankern, wurde Zukunftsbildung als gemeinsamer Qualitätsanspruch greifbar. Denn wie entsteht Qualität, wenn das Ergebnis noch gar nicht feststeht?
An fünf Thementischen wurden die Impulse aufgegriffen, diskutiert und aus unterschiedlichen Blickwinkeln weitergedacht. Die lebhaften Gespräche machten deutlich, dass es nicht die eine Perspektive auf Bildungsqualität gibt.
Auch die anschließende Podiumsdiskussion zeigte, wie eng Qualitätsentwicklung, Zukunftsfähigkeit und Bildungsgerechtigkeit miteinander verknüpft sind. Wie können junge Menschen auf eine Arbeitswelt vorbereitet werden, deren Anforderungen sich schneller verändern als Lehrpläne? Wie lassen sich individuelle Potenziale fördern, wenn Bildungswege nicht allen gleichermaßen bekannt oder zugänglich sind?
Besondere Aufmerksamkeit galt der Sichtbarkeit beruflicher Bildung. Österreichs duales Ausbildungssystem verfügt über große Stärken, die in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch häufig zu wenig Beachtung finden. EuroSkills und WorldSkills machen berufliches Können sichtbar. Ebenso wichtig sind frühzeitige Bildungs- und Berufsorientierung, die transparente Darstellung unterschiedlicher Bildungswege und das Aufzeigen ihrer Durchlässigkeit.
Dabei wurde auch ein kritischer Punkt deutlich: Bildungsqualität darf sich nicht allein an Abschlüssen oder standardisierten Leistungen bemessen. Sie muss ebenso daran erkennbar werden, ob junge Menschen Selbstwirksamkeit erfahren, ihre Kompetenzen anwenden und sich zutrauen, eigene Wege zu gehen.
Das 4. BarCamp zeigte eindrucksvoll, dass die österreichische Berufsbildung über ein beachtliches Potenzial verfügt. Dieses gilt es sichtbar zu machen, kritisch weiterzuentwickeln und nicht hinter einer ausschließlichen Defizitperspektive verschwinden zu lassen.
Das Partnerschulen-Netzwerk Berufsbildung leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Es schafft Raum für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Hochschule, für wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Schulentwicklung sowie für das gemeinsame Nachdenken über die Bildung von morgen.
Qualität braucht Orientierung, aber keine starren Antworten. Sie braucht Vertrauen, Kooperation, Resilienz und den Mut, vorhandene Gestaltungsspielräume zu nutzen.
Denn eines wurde an diesem BarCamp besonders deutlich: Die Zukunft der Berufsbildung lässt sich nicht fertig planen. Aber gemeinsam gestalten.
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