Mit „Standpunkte im öffentlichen Diskurs“ schafft die Pädagogische Hochschule Wien Raum für fundierte, differenzierte Beiträge an der Schnittstelle von Wissenschaft, Gesellschaft und Bildung. Im Zentrum stehen Perspektiven, die aktuelle Diskurse vertiefen, verbreitete Narrative hinterfragen und neue Denkweisen eröffnen.

Die Beiträge stammen von Wissenschafter:innen, Künstler:innen und Expert:innen aus unterschiedlichen Kontexten. Gemeinsam ist ihnen ein Anspruch: komplexe Themen verständlich zu machen, ohne sie zu vereinfachen – und Positionen sichtbar zu machen, die über das Naheliegende hinausgehen.

Die Rubrik orientiert sich am Wertedreieck der PH Wien – Chancengerechtigkeit, Wohlbefinden und Exzellenz – und versteht sich als Beitrag zu einer offenen, reflektierten und informierten Öffentlichkeit.

Urteilskraft für wenige? Was die Lateindebatte wirklich zeigt

Die aktuelle Debatte um die Kürzung von Latein- und Fremdsprachenstunden ist mehr als ein bildungspolitischer Konflikt. Sie verweist auf grundlegende Spannungen im Bildungsverständnis und legt offen, wie stark Fragen von „Bildung“ mit gesellschaftlichen Deutungsmustern, kulturellen Zuschreibungen und Machtverhältnissen verknüpft sind. Im Zentrum steht dabei weniger ein einzelnes Fach als die Frage, wer Zugang zu Urteilskraft erhält.

Beitrag von Dr. Lorenz Lassnigg
Bildungsforscher
Institut für Höhere Studien (IHS)

Lateinstundenreform: Vielleicht wäre Schweigen besser gewesen

Mehr als erwartbarer Widerstand

Widerstand gegen den Vorstoß des Ministers zur Kürzung der Stunden war selbstverständlich zu erwarten, wie bei jeder Lehrplanänderung zunächst kritische Reaktionen auftreten. In diesem Fall waren Ausmaß und Breite der Gegen-Kampagne doch überraschend. Immerhin hat sich über ein gemischtes Spektrum an politischen Einstellungen nahezu die Gesamtheit des „allerhöchsten“ kulturellen Establishments – man kann es auch die kulturelle Elite nennen, heute sagt man „Promis“ dazu – gegen den Vorschlag zur Kürzung von Latein- und Fremdsprachenstunden ausgesprochen, in den Medien war teilweise auch gleich von der Abschaffung des Lateinunterrichts die Rede gewesen.

Ein Déjà-vu: Der Wiener Kulturstreit

Fortschrittliche Assoziationen hat diese Kampagne beim Autor nicht hervorgerufen, eher eine Art Déjà-vu („das kennen wir schon“), und im Unterschied zu einem echten Déjà-vu, das ja nur eingebildet ist, ist sofort die Assoziation zum realen alten „Wiener Kulturstreit“ der späten 1960er aufgetaucht, in dem das gesamte konservative Kulturestablishment unter Führung der „Phantastischen Realisten“ mit Hilfe der Boulevardmedien eine derartige Kampagne gegen die Kunstpolitik von Werner Hofmann im Museum des XX. Jahrhunderts entfesselte, ausgerichtet auf eine De-Legitimation eines ambitionierten liberalen Reformers und „Modernisierers“ der österreichischen Kulturszene – ganz parallel kann die heutige Kampagne als Vorstoß zur DeLegitimation der liberalen Reformambitionen des Bildungsministers interpretiert werden, wenn auch das Spektrum der Unterstützenden breiter aufgestellt ist.

Zur Zeit des alten „Kulturstreits“ noch im Genuss des Lateinunterrichts in der Oberstufe des fortschrittlichen sozialistischen Realgymnasiums einer Provinzstadt (das mit dem konservativen humanistischen Gymnasium konkurrierte) ist dem Autor von diesem Streit trotz kulturellem Interesse nichts bekannt geworden, erst Jahrzehnte später, in einer Ausstellung zu W. Hofmann in der Berliner Akademie der Künste wurde diese reaktionäre Wiener Kampagne unübersehbar dokumentiert. Heute findet man die Spuren davon nur noch bei hartnäckiger vertiefender Suche mit Hilfe von intensivierter K.I. – bei oberflächlicher Suche findet man nur Lobeshymnen über Werner Hofmann.

Ein elitäres Verständnis von „Bildung“

Trotzdem ist die Erinnerung aufschlussreich für das begrenzte elitäre „humanistische“ Kulturverständnis des „allerhöchsten“ heimischen Establishments, wo Lateinstunden verteidigt werden, aber „Wittgensteins Vienna“ bei weitem noch nicht angekommen ist, und Anton Webern zwar als Adresse missbraucht wird, aber de facto keinen (wirklichen) Platz gefunden hat, wie auch die Demokratie oder die Republik keinen Platz in Wien haben (wohl aber Karl Lueger).

Die Debatte und ihre blinden Flecken

Betrachtet man die anschließenden Diskursbeiträge (z. B. STANDARD-Kommentare), so hat der Vorstoß des Ministers offensichtlich über die Auslösung der Gegen-Kampagne hinaus, wichtige Themen aufgebracht, vor allem Fragen der Bildungsgerechtigkeit, oder auch der Erwachsenenbildung. Wirklich bedenklich ist, was der Grundtenor und die allgemeine Stoßrichtung der Kampagne über die Ideenwelt und Bildungsvorstellungen des Kulturestablishments aussagt.

Urteilskraft als Privileg?

Kurz gesagt: die wirkliche Bildung und v. a. die Herausbildung der Urteilskraft wird den Verwertungsinteressen geopfert, durch die Umwandlung von zwei Latein- bzw. Fremdsprachenstunden im Bereich der AHS-Oberstufe in aktuellere Themen. Wenn man die Implikationen dieser Argumentation näher durchdenkt, so muss man in der Tat das begrenzte, selektive und elitäre Verständnis von „Bildung“ und auch die Urteilskraft des Kulturestablishments in Frage stellen.

Anlässlich der Kürzung der Lateinstunden wird „Bildung“ unsinnigerweise der „Verwertbarkeit“ gegenübergestellt, wie die Heranbildung von Urteilskraft in der jungen Generation von den letzten zwei Lateinstunden in der AHS-Oberstufe abhängig gemacht wird – kürzt man diese, beseitigt man die Urteilskraft. Mit anderen Worten, man verteidigt eine Bildungssituation, in der die AHS-Oberstufe mit Latein der jungen Generation Urteilskraft vermittelt, also überhaupt weniger als einem Viertel der Jugendlichen wird dieses Ziel zugemutet (den anderen drei Vierteln wird vielleicht überhaupt die Fähigkeit dazu abgesprochen, wie auch bedeutende Sprecher des Kulturestablishments Bücher veröffentlichen, denen zufolge es Gerechtigkeit sowieso „nur im Film“ gibt).

Bildung zur Urteilskraft für alle

Im Sinne der demokratischen Bildung und Erziehung müsste gegen diese verteidigte Grundsituation, und damit auch gegen das „allerhöchste“ Kulturestablishment eine Kampagne geführt werden: Bildung zur Urteilskraft für Alle!

Dies entspricht auch dem westlichen liberalen Diskurs um demokratische Bildung und Erziehung. Amy Gutmann als klassische Protagonistin in diesem Diskurs (die das deutsche KulturEstablishment bis heute nicht würdig gefunden hat sie überhaupt ins Deutsche zu übersetzen, weil demokratische Bildung und Erziehung angesichts der „humanistischen“ StandardArgumentationen gar kein Thema ist) arbeitet heraus, dass in diesem Sinne die philosophische Hauptbegründung für das öffentliche Bildungswesen in der Heranbildung von „deliberation skills“ oder „deliberative skills“ besteht.

Bis zum Zeitpunkt der Entscheidung über einen Hochschulbesuch hat das Schulwesen die nicht-selektive Aufgabe der Herausbildung dieser Skills für alle Jugendlichen. Dabei ist klar, dass diese Skills entscheidend für die Urteilskraft sind, die eben in der demokratischen Gesellschaft alle brauchen. Europa ist in dieser Hinsicht viel restriktiver, indem die Urteilskraft erst im Qualifikationsrahmen für das Hochschulwesen (Dublin Descriptors) als Dimension konstituiert wird, was durchaus eine gewisse Kompatibilität mit dem elitären Kulturestablishment aufweist – wo kommen wir denn hin, wenn jede oder jeder sich anmaßt, über Urteilskraft zu verfügen … ?

Die „vergessenen 75 Prozent“

Aber die Sache ist damit nicht abgetan. Es geht ja auch um die Kürzung der zweiten Fremdsprache in der AHS-Oberstufe. Hier tritt das Problem der vergessenen 75 Prozent in noch größerer Schärfe auf. Während in diesem selektiven Bereich ohnehin die besten Bedingungen für Fremdsprachenerwerb bestehen, sollten in der EU eigentlich alle Jugendlichen zwei Fremdsprachen erlernen.

Es gibt auch Statistiken von EUROSTAT über den Anteil an Jugendlichen, die zwei Fremdsprachen lernen. In der Mittelstufe beträgt dieser Anteil im EU-Durchschnitt 60 % (in einigen Ländern zwischen 90 und 100 %), in Österreich liegt dieser Anteil unter 10 % (nur in zwei Ländern liegt er niedriger). Diese seit langem auffallende Diskrepanz wird in den politischen Diskursen überhaupt nicht thematisiert und es drängt sich die Frage auf, warum hier das so sprachenfreudige Kulturestablishment keine Unterschriftenkampagne initiiert?

Es gab auch keine unterstützende Unterschriftenkampagne in den 1990ern, als Teile der Wirtschaft den Vorstoß der damaligen Ministerin Hawlicek und Minister Scholten glücklicherweise erfolglos bekämpften, Englisch verpflichtend für Lehrlinge in der Berufsschule einzuführen (nach Erinnerung des Autors wurde sogar durch wissenschaftliche Umfragen „bewiesen“, dass Lehrlinge kein Englisch brauchen, diese Studien sind mittlerweile nicht mehr auffindbar). Es ist hier nicht der Platz, alle Themen und Aspekte der Schulpolitik anzuführen, die Unterschriftenkampagnen verdienen würden, einige wurden ohnehin im Bildungsvolksbegehren bereits angesprochen.

Fazit: Demokratische Bildung statt symbolischer Verteidigung

Als Fazit bleibt, dass in der Tat viel Raum vorhanden ist, in der Bildungspolitik nachhaltig an der Herausbildung der Urteilskraft zu arbeiten, aber dafür sind mit Sicherheit andere Schwerpunkte zu setzen als die Verteidigung der letzten zwei Lateinstunden.

Aus der Sicht des Autors liegt gerade in der Zeit der illiberalen Demokratie ein sinnvoller Weg in der nachhaltigen Entwicklung demokratischer Bildung und Erziehung. Die Beschwörung humanistischer Ideale mit dem Verweis auf die Antike als Gegensatz zur Verwertbarkeit führt eher in fruchtlose und elitäre Gegenüberstellungen und Kategorisierungen von (Ganz?)-Bildung, Halbbildung, Unbildung usw.

Abschließend direkt zur Argumentation der Kampagne also: Die Behauptung, dass die letzten zwei Lateinstunden die Bildung der Urteilskraft im österreichischen Bildungswesen gewährleisten würden, kann nur als selbstzerstörend und Beweis fehlender Urteilskraft angesehen werden.

Über den Autor

Dr. Lorenz Lassnigg
Bildungsforscher
Institut für Höhere Studien (IHS)

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