Die Tagung der Evangelischen Akademie Loccum und des Niedersächsischen Kultusministeriums wurde in Kooperation mit der Universität Vechta von 30.09.2026 bis 02.10.2026 unter der Leitung von Andrea Grimm durchgeführt.
Susanne Binder von der Pädagogischen Hochschule Wien nahm an der Tagung teil. Die Beiträge boten vielfältige Einblicke und Perspektiven: bildungspolitische Ansätze und Diskurse, Erfahrungen in Schulen, Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien und aktuelle gesellschaftspolitische Diskussionen.
Als gemeinsamer Grundtenor zog sich durch alle Beiträge die zentrale Bedeutung von Anerkennung, Wertschätzung und Zugehörigkeit. Muslimische Schüler*innen dürfen nicht ausschließlich im Problemkontext verortet oder automatisch mit Islamismus und Radikalisierung in Verbindung gebracht werden. Vielmehr sind sie selbstverständlicher Teil der Gesellschaft in der Schule einzuordnen, wobei die Vielfalt muslimischer Lebenswelten ebenso in den Blick genommen werden muss wie eine Differenzierung der Zuschreibung „Migrationshintergrund“.
Margit Stein präsentierte die Ergebnisse der Studie „Religiöse Konflikte, Herausforderungen mit religiösen Praktiken, interreligiöse Freundschaften und Kontakte“. Dabei betonte sie, dass insbesondere interreligiöse Kontakte und Freundschaften zunehmend zur Realität von Jugendlichen zählen, während von Lehrpersonen, in gesellschaftspolitischem Kontext und in der medialen Berichterstattung jedoch das Augenmerk auf die Herausforderungen, Problemlagen und Extremismen gelegt wird.
Besonders eindrücklich waren Beiträge, die biographisch-narrativ die Lebenswelten von heute erwachsenen, erfolgreichen Bildungsakteur*innen zeigten (Benjamin Franz, Osman Kösen und Engin Ҫatık). Die Erfahrungen in Kindheit und Schule und das Aufwachsen im Migrationskontext verdeutlichten, welche Ambivalenzen, Erwartungsordnungen, Diskriminierungserfahrungen, Übersetzungsarbeiten, Reflexionsleistungen sie schon in ihrer Kindheit, Schulzeit, Studium und Berufsleben geprägt haben. Hervorzuheben ist, dass Mehrfachzugehörigkeiten selbstverständlich gelebt werden und Dazugehören (dürfen) eine Voraussetzung für Teilhabe ist.
Hier setzt auch die Radikalisierungs-Prävention an, auf die in einem Vortrag von Felix Schuster-Bächlin eingegangen wurde, der Islamismus klar von „Islam“ abgrenzte und eine Einordnung in Begrifflichkeiten und Konzepte von legalistischem Islam, Salafismus ausführte und auf die zunehmende Einflussnahme von Influencern auf social Media einging.
In dem von Susanne Binder besuchten Workshop wurde das von Ingrid Wiedenroth-Gabler entwickelte Konzept WIR! vorgestellt. Es dient zur Entwicklung von weltanschaulich-interreligiöser Kompetenz und unterstützt Lehrkräfte dabei, weltanschaulich-religiöse Vielfalt im Unterricht konstruktiv zu gestalten. Es umfasst sieben Bausteine, die jeweils mit Symbolen arbeiten und handlungsorientierte Impulse geben. Mit Oulfa Schmidt von der Bratungsstelle zur Prävention salafistischer Radikalisierung beRATen e.V. wurde reflektiert, was es braucht, um sich zugehörig zu fühlen und aufgezeigt, wie Zugehörigkeiten hergestellt werden können und welche Verantwortung Schule und Lehrpersonen oder anderen Akteur*innen dabei zukommt.
Kooperativ wurden in Kleingruppen Themenfelder und Herausforderungen erarbeitet, die abschließend lösungsorientiert diskutiert wurden. Wie können Zugehörigkeiten im Schulkontext hergestellt werden, wie kann Partizipation von (muslimischen) Schüler*innen und Eltern gelingen, wie kann konstruktiv mit den üblichen Herausforderungen im Schulalltag umgegangen werden (z.B. Schwimmunterricht, Kleidungsvorschriften, Essensvorschriften, Geschlechterrollen, etc.). Als Lösungsansatz präsentierte sich wie ein roter Faden, dass es um Wertschätzung und Anerkennung geht. Religiöse Belange sollen im Schulgeschehen gesehen, jedoch nicht überbewertet und mit Bedeutungszuschreibungen überlagert werden. Gemeinsamkeiten und gemeinsame Grundhaltungen auch im religiösen Bereich sollen stärker in den Mittelpunkt rücken (beispielsweise ein Fest zum Fastenbrechen). Gemeinsame Feste und eine Willkommenskultur (positive und niederschwellige Begegnungsmöglichkeiten anbieten, Eltern über Erfolge ihrer Kinder informieren, statt nur bei Problemen einzuladen) können Zugehörigkeiten ebenso herstellen wie klare Regeln, die für alle gelten und von Wertschätzung und grundsätzlicher Akzeptanz von Vielfalt in der Schule (und Gesellschaft) getragen sein sollen.
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