Lernen und Lehren knapp unterm Polarkreis

Welchen Bildungsgrad hat ein Land, das 357.000 Einwohner auf einer Fläche verteilt, die um ¼ größer ist als Österreich und damit weit abgeschlagen die geringste Bevölkerungsdichte von Europa hat? Island liegt trotzdem im internationalen Spitzenfeld in Bezug auf die akademischen Abschlüsse ebenso wie bei den erfolgreichen Ausbildungsabschlüssen von jungen Menschen. Es zeichnet sich zudem durch eine Arbeitslosenquote von nur 2,8% und eine bislang weitestgehend friktionsfreie Zuwanderung trotz Migrationsrate 4 (Österreich 4,8) aus.

Ein Erasmusaufenthalt mit unserer Partneruniversität Akureyri bot mir die Gelegenheit die Gründe für dieses erfolgreiche Modell näher zu erfragen. Akureyri ist mit 18.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt, ganz im Norden gelegen, an einem Fjord vor dessen Mündung der Polarkreis vorbeigeht. Die Universität wurde 1987 gegründet und bietet heute 2400 Studierenden an drei „Schulen“ mit zwölf Fakultäten (u.a. der Fakultät für Bildung) ein vielschichtiges und spezifisches Ausbildungsangebot, das von 181 Lehrenden getragen wird.

Die Besonderheit der isländischen Gesellschaft spiegelt sich auch in der Arbeit an der Universität wider. Jeder kennt jeden und kümmert sich um jeden: Als sich eine Kollegin zu unserem verabredeten Gespräch verspätet, fragt mich am Gang ein anderer - bislang unbekannter Kollege - ob ich mit Ingibjörg verabredet sei. Nachnamen benötigt man in der absolut egalitären Gesellschaft nicht, Titel schon gar nicht. Man unterstützt sich gegenseitig, Kommunikation ist das Schlüsselwort, das sich auch in der Gestaltung des großzügigen öffentlichen Raums an der Universität, mit vielen Sitzecken, gratis Kaffee für Mitarbeiter*innen, offenen Arbeitsräumen für Studierende und freiem Zugang zur Technik (keine versperrten Papierladen am Kopierer) ausdrückt.

Die 100.000 Isländer, die nicht in den vier größeren Städten zu Hause sind, leben vorrangig auf Bauernhöfen, die über das Küstenland verteilt sind. Im Winter ist es oft kompliziert bis unmöglich längere Fahrten zu unternehmen, also seinen Hof oder sein Dorf zu verlassen. Deshalb ist das Ausbildungsangebot an der Háskólinn á Akureyri (Universität) auch hochtechnisiert und basiert auf einem breiten Angebot zum distance learning. Die Vorlesungen werden weitestgehend aufgenommen und individuelles Online-Coaching gehört zum Standard. Seminargruppen treffen sich physisch und ergänzt durch Skype-Schaltungen. Lediglich die Unterrichtspraxis an der Fakultät für Bildung muss in Präsenzphasen absolviert werden, die geblockt stattfinden. Mir wurde auch ein persönlicher elektronischer Betreuer vorgestellt, der einen virtuellen Besuch an der Universität ermöglicht, indem er stellvertretend im Seminar- oder Sitzungsraum anwesend ist und so die Beteiligung an der Kommunikation ermöglicht.

Meetingelektronischer Betreuuer

Zentral war während meines Besuchs auch die Frage der sprachlichen Bildung im Land mit einer Sprache, die sich in den letzten 1000 Jahren nur wenig verändert hat und in sprachpuristischer Haltung sogar Computer in „Zahlenorakel“ oder Mobil-Telefon in „Friedensstehler“ übersetzt. Neu ist hierbei die Entwicklung einer Methodik für Isländisch als Zweitsprache, weshalb seitens der Partner ein großes Interesse an unseren DaZ-Konzepten bestand. Im Fremdsprachenunterricht gilt für die Grundschule (bis zum 15. Lebensjahr) dass Englisch als erste und Dänisch die zweite Fremdsprache gelernt wird. In der Sek II stehen dann die Sprachen Deutsch, Französisch, Spanisch und selten Russisch zur Wahl. Im Rahmen des Besuchs konnte ich in einer Schule an einer Dänisch-Stunde teilnehmen, mit den Methodikern der Sprachlehrerausbildung sprechen und bei einem Treffen mit Sprachlehrerinnen direkte Einblicke aus der Praxis zu Vorgangsweisen, Herausforderungen und Problemen erhalten. Auch isländische Lehrende sehen übrigens die Förderung der Lese- und Textkompetenz sowie der Bildungssprache als eine zentrale Aufgabe.

Schließlich war es noch bei einem weiteren Treffen möglich, für die IDT 2021 zu werben, denn in Akureyri arbeiten zwei Mitglieder des isländischen Deutschlehrerverbandes.

Meeting

Es bleibt ein herzlicher und freundschaftlicher Eindruck von einem professionell organisierten Gastaufenthalt, der viele Einsichten und Ideen bot, wie spezifische Bildungsherausforderungen erfolgreich bewältigt werden können. Mein besonderer Dank gilt Runar und Kristin, die mein Programm vorbereitet und begleitet haben und hoffentlich bald zu einem Erasmus-Aufenthalt nach Wien kommen.

Mag. Dr. Brigitte Sorger

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