Erasmus+ Staff Training an der Eötvös Loránd University Budapest

Von 10.-14. Dezember 2018 hatte ich Gelegenheit im Rahmen eines Erasmus+ Staff Trainings die Eötvös Loránd University in Budapest kennenzulernen. Meinen Fokus habe ich dabei insbesondere auf das ungarische Schul- und Universitätssystem, die Lehrer*innenausbildung, auf den Bereich Datenschutz und auf die Universitätsbibliothek gerichtet.

KircheBudapest

Nach der Anreise und einem ersten Kennenlernen der Stadt am Montag durfte ich am darauffolgenden Tag eine Grundschule besuchen, die Pannónia Elementary School. In Ungarn besuchen Schüler*innen die Grundschule nicht vier Jahre lang wie bei uns, sondern insgesamt acht Jahre lang, also vom Alter von 6 Jahren bis zum Alter von 14 Jahren (geteilt in eine Unterstufe, die unserer Volksschule entspricht, und eine Oberstufe, die unserer Mittelschule entspricht). Da die Schulpflicht in Ungarn insgesamt 10 Jahre beträgt, müssen die Schüler*innen im Anschluss an die Grundschule noch zwei Jahre einer „Mittelschule“ besuchen. Die Pannónia Elementary School ist aber keine normale Grundschule: Genau wie in Österreich gibt es auch in Ungarn sprachliche Minderheiten, denen vom Gesetzgeber besondere Rechte eingeräumt wurden, insbesondere im Schulwesen. Bei uns gilt dies für die ungarischen und kroatischen Minderheiten im Burgenland sowie für die slowenische Minderheit in Kärnten. In Ungarn gibt es insgesamt 13 Nationalitäten, denen ein Minderheitenstatus zuerkannt wird – eine davon ist die deutschsprachige Minderheit – und für diese wird u.a. in der Pannónia Elementary School ein bilingualer Unterricht angeboten. Ich durfte zwei Deutschstunden der 5. Klasse besuchen – die 11-12jährigen Schüler*innen waren mitten in der Erarbeitung der Anwendung des Imperfekts anhand von Märchen der Gebrüder Grimm. Der Unterricht wurde von der Lehrerin dabei sehr interaktiv und kreativ gestaltet und die Kinder waren sehr aktiv. Gesetzlich ist in Ungarn das Erlernen einer lebenden Fremdsprache ab der 4. Klasse der Grundschule vorgesehen – an der Pannónia Elementary School geschieht dies bereits ab der 1. Klasse, in der 4. Klasse schließt dann eine zweite Fremdsprache an. Der sprachliche Schwerpunkt ist aber nicht die einzige Besonderheit dieser Schule – besonders aufgefallen ist mir auch die außergewöhnlich gute Ausstattung des Schulgebäudes mit ansprechenden Klassenzimmern, vielen Aufenthaltsräumen für die Schüler*innen, Beamern in allen Klassenräumen, modernen Sonderunterrichtsräumen für naturwissenschaftlichen Unterricht sowie eine Sporthalle, die sich über zwei (!) Stockwerke erstreckt – diese Ausstattung konnte glücklicherweise in den Zeiten der schulischen Selbstverwaltung realisiert werden, die aber in der jüngeren Vergangenheit durch die staatliche Zentralverwaltung aller Schulen ersetzt wurde – heute wäre eine derartige Ausstattung daher nur schwer umsetzbar. Die Pannónia Elementary School hat insgesamt mehr als 30 Klassen mit ca. 800 Schüler*innen, die von 80 Lehrer*innen betreut werden.

Am Montagnachmittag ging es für mich dann weiter zur Fakultät für Primar- und Elementarpädagogik, wo ich Gelegenheit hatte, von Mitarbeiterinnen des „office for educational affairs“ (das entspricht bei uns in etwa der Studien- und Prüfungsabteilung) mehr über die Lehrer*innenausbildung in Ungarn zu erfahren. Im Gegensatz zu Österreich spielt die akademische Ausbildung von Elementarpädagog*innen in Ungarn schon seit längerer Zeit eine große Rolle. Insgesamt bietet die Fakultät drei Bachelorstudiengänge an: „Infant and Early Childhood Education“ (6 Semester, 180 ECTS, berechtigt zum Unterricht 0-3jähriger Kinder), „Preschool Education“ (6 Semester, 180 ECTS, berechtigt zum Unterricht 3-6jähriger Kinder) und „Primary Education“ (8 Semester, 240 ECTS, berechtigt zum Unterricht 6-12jähriger Kinder). Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle, dass alle Studienprogramme der Fakultät für Primar- und Elementarpädagogik sowohl als Vollzeitprogramme als auch als Teilzeitprogramme angeboten werden, wodurch auch berufstätigen Studierenden die Möglichkeit geboten wird, sich für ein Lehramt zu entscheiden. Eine Besonderheit stellt auch die Tatsache dar, dass angehende Primarpädagog*innen ein Spezialisierungsfach wählen müssen – von der 1. bis zur 4. Klasse unterrichten sie allgemeinbildende Inhalte (wie in Volksschulen üblich), in der 5. und 6. Klasse unterrichten sie dann aber die Schüler*innen in ihrem jeweiligen Spezialisierungsfach. Zur theoretischen Ausbildung kommt im Primarbereich ab dem 2. Semester die Hospitation in Volksschulen sowie ab dem 4. Semester das eigenständige Gestalten von Unterrichtsteilen. Im Vorschulbereich beginnt die Hospitation bereits im 1. Semester, das eigenständige Arbeiten mit den Kindern aber erst im 6. Semester. Am Ende der praktischen Ausbildung steht ein sogenanntes „final teaching“, d.h. eine Unterrichtsstunde, die eigenständig zu halten ist und deren Bewertung einen wesentlichen Bestandteil der Gesamtbewertung bildet. Die ELTE verfolgt auch den weiteren Werdegang ihrer Absolvent*innen mittels eines „graduate tracking“.

Da gerade im „office for educational affairs” viele Daten von Studierenden verarbeitet werden, beschäftigen sich die Mitarbeiter*innen hier bereits seit vielen Jahren intensiv mit Datenschutz und mit den Anforderungen der DSGVO. Besonders hervorzuheben wäre hier u.a. die Praxis, dass im Rahmen der Inskription keine Kopien von Dokumenten angefertigt werden sondern lediglich die Originaldokumente auf ihre Echtheit überprüft und die Daten in das Verwaltungsprogramm („Neptun“) übernommen werden. Die Dokumentation sämtlicher studienrelevanter Prozesse erfolgt ausschließlich elektronisch, Papierdokumente (Anwesenheitslisten etc.) werden nach der elektronischen Erfassung ausnahmslos vernichtet. Als eines der Motive nannten mir die Mitarbeiterinnen, dass so verhindert werden soll, dass Ausweiskopien im Falle eines Einbruchs entwendet und missbräuchlich verwendet werden. Im Bereich der Internationalisierung ist die ELTE nicht nur im Bereich „Erasmus+“ aktiv sondern hat auch für Studierende aus Drittstaaten das sogenannte „Stipendium Hungaricum“ eingeführt, das sich mittlerweile immer größer werdender Beliebtheit erfreut. Bei den Erasmus-Studierendenmobilitäten gab es im heurigen Jahr 60 (!) „incomings“ (der langjährige Durchschnitt belief sich bisher auf 30). Was die Staff-Mobilities betrifft gab es heuer im Bereich „outgoing staff“ 16 Lehrende und 6 Verwaltungsbedienstete und im Bereich „incoming staff“ 6 Lehrende und 3 Verwaltungsbedienstete.

Am dritten Tag meines Aufenthalts in Budapest durfte ich eine Germanistik-Vorlesung besuchen (es ging um „Wortbildung“, was vielleicht einfach klingt, aber – mit Fachbegriffen unterlegt – doch sehr anspruchsvoll sein kann... Danach konnte ich mit der Erasmus+ Koordinatorin der ELTE Informationen und Erfahrungen austauschen. Erfahrungsaustausch stand schließlich auch am Mittwochnachmittag im Zentrum eines Treffens mit der Datenschutzbeauftragten der ELTE – hier ging es in erster Linie um Schulungsmaßnahmen für Bedienstete sowie die Dokumentation von Verarbeitungstätigkeiten im Zusammenhang mit personenbezogenen Daten.

Plakat

Am Donnerstag war ich eingeladen, die Hauptbibliothek der ELTE zu besuchen. Bei einer ausführlichen Führung erhielt ich umfangreiche und überaus interessante Informationen, z.B. dass die Bibliothek älter als die Universität selbst ist und aus einer 1561 gegründeten Jesuiten-Bibliothek hervorging – die Universität wurde erst im Jahr 1635 gegründet. Im Jahr 1632 hatte die Bibliothek einen Bestand von gerade erst 1500 Büchern, 1867 waren es bereits 150.000 – heute beherbergt allein die Hauptbibliothek mehr als 4 Millionen (!) Bücher, dazu kommen dann noch Zeitschriften, ebooks etc. Am Hauptstandort der Bibliothek sind derzeit etwa 50 Mitarbeiter*innen tätig. Es handelt sich um die viertgrößte Bibliothek in Budapest und um die achtgrößte in ganz Ungarn. Insgesamt gibt es fünf Lesesäle, der größte davon misst 200 m2. Die Bibliothek der ELTE steht in enger Kooperation mit vielen anderen Bibliotheken im In- und Ausland – pro Jahr gibt es ca. 600 Fernleihen. Die Bibliotheksverwaltung erfolgt seit einigen Jahren mit dem Programm ALEPH, das auch von den meisten anderen Universitätsbibliotheken in Ungarn verwendet wird – eine Umstellung auf ALMA (wie es bei uns verwendet wird) ist zwar denkbar derzeit aber nicht aktuell.

Bibliothek

Am letzten Nachmittag meines Aufenthalts hatte ich schließlich noch einmal die Möglichkeit das wunderschöne Budapest im Rahmen eines geführten Stadtspaziergangs zu erleben. Mein Gesamteindruck lässt sich so zusammenfassen – eine absolut sehenswerte Stadt, überaus freundliche Menschen und eine Partneruniversität, die im Rahmen des Erasmus+ Programms sowohl für Studierende als auch für Lehrende und Verwaltungspersonal vieles bietet und großes Interesse an Austausch zeigt – ich kann eine Mobilität an der ELTE uneingeschränkt empfehlen!

Martin Pleyer

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